Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 09.03.2019 von Veronika

Was wird einmal auf meinem Grabstein stehen?



Seit dieser (der 449.) Tour weiß ich ganz klar, was NICHT auf meinem Grabstein stehen soll, nämlich: "Ich esse meine Suppe nicht", welche wir übrigens heute aus Konservendosen anboten, da leider kein Restaurant Rauchzeichen bzgl. Suppenspende gesendet hatte.

Während der Tour hatte ich Zeit darüber nachzudenken, was ich (und du vielleicht auch) an so manchen Familientischen höre, so viel Negatives über das Essen. "Also, neeee, Broccoli, den mag ich nicht, so komisch grün. Ich esse nur Blumenkohl......Tomaten, ja, gerne, aber nur die Schale, den Glibber da drin nimm bitte raus, …….Margarine??????, ich nehme nur Butter, ist das bio? Ist das vegan?“ Usw., wie im Märchen vom Suppenkasper, weiß ja jeder, wie der geendet hat!
In Deutschland gibt es z.Zt. ca. 850 000 (Dunkelziffer höher) wohnungslose Menschen, davon konnten wir heute ca. 50 Personen versorgen, weil sie HUNGER hatten. Die Suppe schmeckt immer lecker, da wird nicht rumgemäkelt. Umso dankbarer und demütiger macht mich

die Tour für mein gutes Leben.
Wer keine starken Nerven hat und überdies zart besaitet ist, der sollte jetzt lieber an seinen letzten sonnigen Karibikurlaub unter Palmen, an die Party auf Mallorca oder sonst etwas Warmes denken (z.B. heiße Suppe ), denn das Wetter heute war eine Herausforderung! Im Vorfeld überlegten wir, ob die Tour wg. Hagel, Nässe und teilweise orkanartigen Sturmböen überhaupt stattfinden kann?
SIE KANN!

Auf dem Weg zur Garage versperrten mir vom Sturm umgewehte Straßenschilder den Weg und ich dachte: "Das kann ja heiter weiter!" Aber getreu dem Motto: -Nur die Harten kommen in den Garten- (bzw. zur Garage und zur Tour), waren schon 4 Epalaner emsig am Werkeln. Auf dem Grabstein eines EPAlaners könnte doch stehen: "Er hat's gepackt!"
Das war heute wortwörtlich zu nehmen...….Der Sturm gab alles und so mussten die Deckel auf den großen, quadratischen Körben kreativ in einer Art Selbsthilfemethode mit Konservendosen beschwert werden. Wir wollten doch nicht, dass unsere leckeren, frischen Brötchen mit dem Sturm davonfliegen.

War es die räumliche Enge in der Garage oder der Wind, welcher seine Backen aufblies...…..wer weiß?... , irgendetwas ließ einen unserer Teamer das grüne Paket mit den 1000 Holz-Rührstäbchen aus den Händen und auf den Boden gleiten. Da sie ja nun mit Keimen infiziert waren, wurden sie aufgesammelt und ich bekam sie bündelweise zwecks Entsorgung überreicht. Eigentlich viel zu schade zum Wegwerfen, wir hätten doch damit Mikado spielen können......ein Bastler könnte damit vielleicht auch noch etwas anfangen.

Mustafa aus Bochum kam mit Bassem an der 1. Station dazu. Auf seinem Grabstein möchte Mustafa nur seinen Namen und Datum stehen haben. Sonst nix. Wenn jemand zu Besuch kommt, hofft er, dass derjenige denkt und fühlt:" Mustafa war ein guter Mensch!"
Der Sturm tobte an der 1. Station zeitweise so stark, das der Kaffee aus den Pappbechern schwappte. Ich musste an den Komiker Rudi Carrell denken, wie er in einem Sketch mit Partnerin während eines immer stärker werdenden Sturms am Strand versucht, seelenruhig Suppe zu löffeln und Spaghetti zu essen...…..total lustig die Szene, wer kennt sie?

Cristina kam mit Andi und einem kleinen "Berg" leckerer Waffeln um 18 Uhr 10 dazu. Andi möchte auf seinem Grabstein stehen haben: "Ziel erreicht!".... Cristina würde eine Gruft zusammen mit Andi vorziehen, für immer vereint! Auf dem Grabstein der Gruft soll stehen: "Jetzt geht die Party richtig los!"
Das heiße Wasser ging zur Neige und ich wurde zur Abia - Lounge abgeordert. Die netten Jungs von Abia befüllten freundlich und gerne meine Thermoskannen; vielen, herzlichen Dank dafür.

Ein großes "Dings", behängt mit Schuhen wurde beäugt (siehe Fotos) und wir diskutierten: "Ist das KUNST oder kann das weg?" Irgendein Scherzkeks hat ein paar Schuhe aufgehangen und viele weitere folgten.
Unser Gast U. kam mit seiner geliebten Hündin Leika. Er weiß noch nicht, ob er in Essen beerdigt werden will. Er hat von Friedhöfen gehört, wo Mensch und Hund zusammen begraben werden können, da möchte er hin. Auf dem Grabstein soll ein Bild angebracht werden, wo sich Pfote und Hand berühren und als Spruch: -In ewiger Treue- Ich könnte jetzt heulen.....

Da an der 2. Station außer jeder Menge leckerer Backwaren noch Adham und Christian dazu kamen, war unser Team so stark angewachsen, dass wir bei bester Laune und angeregten Gesprächen eine Art Stehparty machen konnten. Ich kam mit unserem Gast H. ins Gespräch. Er bat mich um Verständnis für seine sprachliche Zurückhaltung und erklärte auch gleich, warum. Vor mehr als einem Jahr hatte uns ein Team vom WDR begleitet und er ließ sich filmen und gab Auskünfte. Er hatte aber dabei nicht bedacht, dass seine Nachbarn (er hat eine kleine Wohnung) den Film sehen, ihn darin erkennen und darauf ansprechen würden. Ihm war das alles furchtbar peinlich gewesen. Dann taute er zusehends auf und formulierte seine Grabinschrift: „H. war ein wachsamer Nachbar mit einem großen Herzen, humorvoll und ohne Schmerzen!"

Unser Teamplayer Julian wünscht sich als Grabsteininschrift: "Hier liegt ein MACHER, der aktiv war, und keine faule Couch-Kartoffel!“ Kira wehrte das Thema Tod und Sterben mit Händen und Füßen ab, darüber will sie nicht reden. Damit ist sie nicht alleine, das Thema Tod und Sterben ist ja genau wie Obdachlosigkeit nicht nur in Deutschland stark tabuisiert. Wir haben das Privileg, unsere Wünsche artikulieren zu können, ein Obdachloser, welcher anonym in einem Hauseingang liegt, hat da keine Chance.
Unser Gast E. kommt aus Lettland, ist seit 4 Jahren in Deutschland und spricht unsere Sprache sehr gut. Liebe Leserin, lieber Leser, E. gibt uns allen etwas mit auf den Lebensweg, ich soll euch schreiben: „Wartet nicht auf Euren Grabstein, lasst euch euer LEBENSMOTTO auf den Arm tätowieren. Lebt jetzt! Schaut jeden Tag auf Euren Arm, lebt nach eurem Motto und handelt danach.“ Danke E., ich liebe dich!
Dann kam noch unser Gast C. und konnte erst nicht sprechen, da er die Frage nach seiner Grabinschrift so supertoll fand, die beste Frage seit Jahren, so philosophisch. Er musste immer wieder erst Luft holen und zu Atem kommen. Ganz begeistert wünschte er sich:" Man möge mir die schlechten Dinge verzeihen, die ich in meinem Leben getan habe!".
Am Bahnhof habe ich mit Julian noch eine Runde gedreht und Bedürftige persönlich angesprochen, auf unser Suppenfahrrad aufmerksam gemacht und zu Kaffee und Gebäck eingeladen.

Diese Tour hat mir sehr, sehr viel Energie gegeben. Danke, dass ich dabei sein durfte. Ich spannte meinen Regenschirm auf und der Sturm hatte noch etwas Gutes für mich dabei: er erlaubte mir, wie Mary Poppins nach Hause zu fliegen. Und während ich so schwebte, sah ich auf einmal ganz deutlich, was auf meinem Grabstein steht: VERWEILE und LÄCHLE
Bis bald, liebe Freunde, eure Veronika


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