Essen packt an!

Warm durch die Nacht - Tourbericht 26.12.2017 von Cansu, Janine und Mustafa

Wie jeden Dienstag wurde auch heute,am 2. Weihnachtstag, die Tour nicht ausgelassen und man ist mit vielen Händen losgezogen.
Ab 17 Uhr sind die meisten Helfer nach und nach an der Garage eingetroffen. Heute waren auch zwei neue Gesichter dabei: Ane und unser jüngster Helfer, ihr 10-jähriger Sohn Justus, der von sich aus sehr gerne helfen wollte.
Dort bereiteten wir gemeinsam die Wagen und Kisten für die heutige Tour vor. Schnell bemerkten wir, dass der Strom zum Wasser kochen fehlte. Das Wasserkochen für die Heißgetränke wurde kurzerhand in die Mayflower verlagert.
Dank Justin, der für heute ein Lastenfahrrad organisiert hatte, war der Transport der Sachen umso einfacher.



Die Tour begann wie gewohnt um 18 Uhr vor der Getrudiskirche. Da wir heute nicht direkt heißes Wasser hatten, kamen wir ein wenig in Verzug, dennoch blieb die Wärme der Herzen und man konnte zumindest alle mit

Essen, Kleidung und Hygieneartikeln versorgen. Auch das Wasser kam dann kurze Zeit später, sodass auch an diesem kalten und windigen Abend alle mit heißen Getränken versorgt werden konnten. Auch hier konnten wir erneut neue Gesichter begrüßen, die helfen wollten: Janine, Mohammed, Moutasm und Martina.

An dieser Stelle muss betont werden, dass sich hier ein sehr rührender Moment ereignete: Da die Anfrage nach Handschuhen sehr hoch war und wir leider dieser Anfrage bezüglich der Größen nicht hinterherkamen, zückte Dirk seine eigenen Handschuhe aus der Tasche und gab sie dem Hilfesuchenden.
Gen 19.00 Uhr zogen wir weiter Richtung Toscani in der Innenstadt, dort gelang es uns, harmonisch alle Hilfesuchenden zu versorgen, sodass wir uns dann auch zeitig gegen 20 Uhr vor der Post befanden. Hier war der Andrang am größten, dennoch bemühten wir uns, jedem eine warme Mahlzeit zu verschaffen.

Nun der Eindruck der neuen Helferin Janine von der Tour:

Dienstags hab ich eigentlich nie Zeit….

Wenn allerdings der 2te Weihnachtstag auf einen Dienstag fällt… ja, da hab ich Zeit!

Die ganzen Weihnachtstage hatte ich es im Kopf, war aber unsicher, ob es dann am Ende auch wirklich klappt. Somit lief alles ganz spontan. Um 17 Uhr kamen wir nach Hause – vom Weihnachtsessen bei Mutter – an einer schön gedeckten Tafel, alles wurde üppig und mit Liebe gekocht, der selbst gebackene Kuchen einfach köstlich. Zu Haus angekommen springe ich aus meinem Rock, tausche gegen Jeans und warme Stiefel. Flitze noch eben schnell in den Keller, schnappe ein paar Decken, eine dicke warme Winterjacke, werfe ein paar Kleinigkeiten in die Tüten und düse los zur WiederbrauchBar.
Erwartungslos, ausgestattet mit dem Wunsch, etwas zu teilen, insbesondere mein offenes Ohr.

Um kurz nach 18 Uhr treffe ich auf die Gruppe in grünen Westen mit der Aufschrift „Essen packt an“, die mir dank Facebook schon ganz vertraut vorkommen. Bekomme auch eine. Meine Mitbringsel werden sortiert, in den Hygieneschrank, in den Kleidersack etc. Alles wohl geordnet. Die erste Decke ist weg, bevor sie überhaupt einsortiert werden kann. Super!
Etwas später steht jemand im Sweat-Shirt vor mir und fragt nach einer warmen Jacke. Ich fische meine schwarze Jacke aus dem Gewühl und wir machen Anprobe – passt: „Oh, die ist aber warm!“ „Ja, sehr, die hat mich schon im Schnee gut warm gehalten. Ist auch wasserdicht und hat ne Kapuze“, die ich der Person einfach mal grinsend über den Kopf ziehe. Daraufhin blickt man mir direkt in die Augen. Leicht erstaunt, erfreut und freundlich. Einen Moment passiert nichts. „Danke“ „Gerne“.
Meine Jacke macht sich langsam auf den Weg… wohin wohl?
Bei der Anprobe hat jemand entdeckt, dass ich keine Latexhandschuhe anhabe. Prompt werde ich damit ausgestattet. Auch gut. Gehört halt dazu.

Wir kommen an der 3ten Station, Hauptbahnhof Essen, an. Es ist kurz vor acht. Hier ist die Nachfrage am größten. Ich wünsche jemanden „Guten Appetit und Frohe Weihnachten“. Das war ein Fehler. Obwohl die Mütze so tief im Gesicht sitzt, dass kaum etwas erkennbar ist, nehme ich deutlich ein Schluchzen war und, dass sich der ältere Herr vor mir grad in Tränen auflöst. Es sind nicht die ersten und auch nicht die letzten Tränen des Abends.
Ich höre mich mal bei den Menschen um, die hier öfter unterwegs sind. Höre, dass sich viele gar nicht trauen zu kommen, die meisten aus Scham.
Wer kommt denn überhaupt? Die, die kommen, sind sehr freundlich, echte Dankbarkeit für dieses Angebot und viel Wertschätzung: „…dass ihr hier auch an Weihnachten kommt…“
Es ist kurz nach neun, die Suppe ist alle, die Truppe packt zusammen.

Bis dahin war alles einfach, aber jetzt. Die Plauderstunde ist vorbei. Auf einmal spüre ich die Kälte. Drei Stunden sind wir bereits unterwegs, bis grad hab ich nichts gespürt, keinen Wind, keine Kälte.
Aber jetzt schleicht sie sich an. Ich fahre gleich in eine warme Wohnung und in ein kuscheliges Bett. Wohin gehen die Menschen, die mich jetzt anlächeln und fragen, ob ich Samstag oder Dienstag wieder komme?
Ich hab keine Antwort. Dienstags kann ich nie, da muss ich unterrichten. „Yoga? Ist das wirklich so gut wie alle sagen?“ „Ja, ist es!“ Mehr fällt mir nicht ein.
Wir machen uns auf. Neben mir steht jemand und löffelt seine Suppe unter Tränen. Das Alter für mich nicht schätzbar, irgendwas vermutlich zwischen 50 und 60. „Kannst Du auch im Gehen deine Suppe löffeln?“ „Ja.“ „Gut, dann komm mit. Wir laufen jetzt zurück.“ Dabei höre ich die Geschichte, vom selbst gebauten Haus, von der Frau, die ihn verlassen hat, vom Suff, der jetzt schon viel besser ist, vom Führerschein, den man noch besitzt, sogar für LKW, der aber in einer Übernachtungsstation mit allem anderen Papieren geklaut wurde, 120,- EUR kostet ein neuer (das ist Lichtjahre weit weg), von der Mutter, die kürzlich gestorben ist, dass man die Schwester nicht anrufen kann, weil es kein Handy gibt. Dass man unbedingt wieder eine Wohnung haben möchte, aber keine bekommt. Und damit auch keine Arbeit…
Ich frage und frage. Lösungen hab ich keine. Aber reden tut gut. Zaubert ein Lächeln ins Gesicht.
Wir kommen an meinem Auto an. Eine Flasche Wasser kann ich noch anbieten. Die wird gern genommen. Verabschiedung mit kräftigem Hände schütteln. Ich immer noch in diesen Latex-Handschuhen.
„Bist Du beim nächsten Einsatz wieder da?“
Wieder diese Frage. Ich blicke in feuchte Augen.
In einer Welt, wo alles nur noch schnell und flüchtig ist, da suchen eben alle Menschen nach Verbindlichkeit, Verlässlichkeit, Authentizität. Die mit Dach genauso wie die ohne Dach.
„Ich werde es Samstag versuchen!“

Ein riesen Dank geht an alle Helfer u.a. an Christian, Carsten, Hotti, Gudi, Jutta, Rainer, Mustafa, Dirk, Justin, Mohammed, Hoger, Elke, Udo, Moutasm, Cansu, Ane und natürlich auch an unseren Justus, der uns sehr tatkräftig zur Seite stand.

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